Lebenshungrige Textfische

Fun-loving Textfish

Manche Textfische können der Verlockung des Anderen einfach nicht widerstehen. Sie dürsten nach Ideen, Geschichten und neuen Erfahrungen. Da sie aufgeschlossen und tolerant sind, stehen die meisten Textfische Experimenten nicht abgeneigt gegenüber.

Textfische auf der Suche nach Vergnügen und Abenteuer schwimmen an die geheimnisvolle Grenze des Textmeeres, wo die Membran zwischen Realität und Fiktion dünn und durchlässig ist. Audio-Junkies lauschen in den berüchtigten Whisperbars den Gedanken menschlicher Schriftsteller. Flossenfesteres bieten die Strichpunkt-Clubs. Offiziell gegründet, um den Dialog zwischen den Gattungen zu fördern, haben sich diese Etablissements auf erotische Begegnungen der besonderen Art spezialisiert. Nachwuchs wird liebevoll in Ligaturen-Camps aufgezogen.

Chapter 7. | Das siebte Kapitel.
Need help cutting cables? | Brauchst du Hilfe beim abknipsen der Kabel?
Oh, I can swim just as fast as you. | Oh, ich kann genauso schnell schwimmen wie du.
Of course I can purifiy water with my horn. | Na klar, kann ich mit meinem Horn Wasser entgiften.

Fun-loving Textfish

Some Textfish cannot resist the lure of the other. They are hungry for ideas, stories and new experiences. Open minded and tolerant, most Textfish are not at all averse to experimentation.

Textfish in search of pleasure and adventure swim to the mystical border of the Textsea. Here the membrane between reality and fiction is thin and permeable. In the notorious Whisperbars Audio-Junkies listen to the thoughts of human writers. Semicolon-Clubs offer fins-on-experiences. Officially founded to further the dialogue between species, over time these establishments have specialized in all kinds of erotic encounters. Progeny is raised with loving care in Ligature-Camps.

Nützlich bis in den Tod

Forever useful

Wenn Herbarien wie die Sammlungen der fiktiven Textfische wundersame Fähigkeiten hätten, würden sich dann mehr Menschen für Pflanzen und ihr Wohlergehen interessieren? Oder wäre damit nur eine weitere Möglichkeit gefunden, die Natur rücksichtslos auszubeuten? Hier ist das sechste Kapitel des Buches „Textfisch“.

Von Zeit zu Zeit werden Textfische an Land gespült. Ein lebendes Exemplar zu finden, soll Glück bringen. Tote Textfische verleihen angeblich die Gabe mit Worten manipulieren zu können. Behutsam getrocknet und gepresst, nehmen sie die Form von Scherenschnitten an. Der Besitz eines auf diese Art konservierten Textfisches wird meist geheim gehalten. Finder und ihre Familien hüten sie wie einen Schatz und geben sie von Generation zu Generation weiter. Zu kostbaren Büchern gebundene Textfisch-Sammlungen tauchen daher nur selten am Kunstmarkt auf.

Chapter 6. | Das sechste Kapitel.
Dead Textfisch, pressed and mounted. „What happened to me?“, its surprised expression implies. | Toter Textfisch, gepresst und aufkaschiert. „Was hat man mir angetan?“, scheint sein Gesichtsausdruck zu sagen.
„No, no, don´t step on me!“ Squish. Too late. | „Nein, nein, nicht auf mich treten!“ Stampf. Zu spät.
He wouldn´t have dreamt to end up as part of an piscisarium. | Nicht im Traum hätte er daran gedacht, in einem Piscisariumzu enden.

Forever useful

If herbaria, like collections of fictitious textfish, were to bestow wondrous powers, would more people be interested in plants and their wellbeing? Or would it just mean another opportunity to exploit nature ruthlessly? Here is chapter 6 of the book „Textfisch“.

From time to time Textfish are beached. To find a living specimen is said to bring luck. Dead Textfish, however, purportedly confer the gift to manipulate with words. Dried with care and pressed, they take on the appearance of paper cuts. Ownership of a textfish conserved in this way is usually kept secret. Finders and their families guard them like treasure and pass them down from one generation to the next. Collections of Textfish bound as precious books are therefore only seldom traded on the art market.

Welker Buchstabensalat

Withered Word Salad

Bücher sind aus meinem Leben nicht wegzudenken. Am liebsten würde ich in einer Bibliothek wohnen. Wenn ich spaßhalber als Gedankenspielerei Häuser entwerfe, ist das Herzstück immer ein Raum für Bücher mit Regalen aus schönem alten Holz, gemütlichen Sofas und einem riesigen Arbeitstisch. Natürlich darf auch ein geräumiger Papierkorb nicht fehlen, in dem überarbeitete Manuskriptseiten, verworfene Notizzettel und Papierreste von Buchkunst-Projekten langsam eine Stratigrafie der Ideen und Experimente bilden. Als Wissenschaftlerin, die nicht nur schreibt sondern auch so manches Buchprojekt grafisch vom Entwurf bis zum druckreifen PDF gebracht hat, kann ich ein Lied davon singen, wieviele Versionen und Ausdrucke eines Textes schlussendlich ins Altpapier wandern. Mir hat die englische Bezeichnung „foul matter“ für nicht mehr gebrauchte Manuskripte schon immer gut gefallen. In dem Buch „Textfisch“ bekommt diese faule Materie eine neue Bedeutung und Dimension:

In toten Sprachen verfasste Texte und altmodische Worte sinken auf den Grund des Textmeeres. In diesen tintigen Tiefen leben die Aasfresser und die großen Räuber unter den Textfischen Seite an Seite. Beim schwachen Schein ihrer Leuchtorgane durchsuchen die einen die zähen Ablagerungen der verrottenden Worte nach Nahrung, während die anderen mit zu Buchstaben geformten, leuchtenden Auswüchsen ihre ahnungslose Beute anlocken. Die von diesen unsauberen Essern gern gesehenen Leerzeichen-Putzerfische signalisieren ihre Dienstbereitschaft mit sanft pulsierenden Leuchtpunkten.

Chapter 5. | Das fünfte Kapitel.
Come hither and get eaten: Glowing letters as bait. | Komm und lass dich fressen: Leuchtende Buchstaben als Köder.
Don´t mess with me, I´ ve got teeth! | Leg dich nicht mit mir an, ich habe Zähne!
Would you like to be groomed by me? | Soll ich dich putzen?

Withered Word Salad

Books habe accompanied me all my life. Given the opportunity I would choose to live in a library. A room furnished with dark wooden bookcases, comfortable sofas and a huge worktable always lies at the heart of houses I design in my mind for fun. A capacious waste paper basket is a necessity, too. In it edited manuscript pages, notes and paper cut-offs left from book arts projects slowly build a stratigraphy of ideas and experiments. As a researcher and graphic designer I know from experience how many edited/revised print-outs of a text or layout end up as wastepaper. I have always liked the english term „foul matter“ for all the stuff that has been superseded by the published book. In my book „Textfisch“ its definition is given a new meaning and dimension:

Texts written in dead languages and words, that have fallen out of fashion, sink to the bottom of the Wordsea. In these ink-dark dephts scavengers and the largest predators among textfish live side by side. The former sift through the treakly deposits of rotting words by the weak bioluminescence of their light organs while the latter try to attract their unsuspecting prey with glowing letter-shaped excrescences. Blankspace-Cleanerfish, who signal their services with slowly pulsing light dots, are seen as welcome guests by any untidy eater.

Vom Haiku zur Zeichensprache

From Haiku to Sign Language

Meine Bewunderung für Buchmalerei ist grenzenlos, nicht zuletzt wegen der fantasievollen Randgestaltungen und Initialen. Ich liebe die kräftigen Farben und drolligen Details, den Horror vacui und die Pracht. Also beschloss ich, ein Kapitel des Buches „Textfisch“ in Gouache zu malen.

Wird instant letters dem Wasser kleiner Teiche beigemengt, verleiht es Goldfischen die Gabe Haikus zu dichten. Besucher der Erlebniswelt Lost Arts bedienten sich Ohrtrompeten, um dieser Unterwasserlyrik zu lauschen. Dem exotischen Vergnügen wurde durch ein Fischsterben ein jähes Ende bereitet, nachdem sich ein des Plagiats beschuldigter Dichter im Teich ertränkt hatte. Die überlebenden Goldfische gingen zum Bedauern der Geschäftsleitung dazu über, eine Flossensprache zu entwickeln, die bis heute nicht entschlüsselt werden konnte.

Chapter 4. | Das vierte Kapitel.
Even beetles liked the goldfish´s poems. | Sogar die Wasserkäfer lauschten den Gedichten der Goldfische gerne.
Not another suicidal human, please! | Nicht noch ein selbstmordgefährdeter Mensch, bitte!
Sign language using fins is difficult. | Zeichensprache ist mit Flossen schwierig.

From Haiku to Sign Language

My admiration for illuminated manuscripts knows no bounds, not least because their borders are a space for fantasy. I love the brilliant colours and quirky details, the horror vacui and splendor. Therefore I decided to paint one chapter of the book „Textfisch“ in gouache.

Add instant letters to the water of small ponds and it enables goldfish to talk haikus. Visitors to the theme park Lost Arts were given eartrumpets to listen to this unterwater-poetry. The suicide of a poet accused of plagiarism and the subsequent death of almost all fish put a sudden end to this exotic pleasure. To the infinite regret of the management the surviving goldfish began to develop a sign language using their fins, which has not been decoded so far.

Buchstabensuppe

Alphabet Soup

Ich mag Naturkundebücher, besonders sehr alte Exemplare mit hervorragend gezeichneten und gemalten Abbildungen. Deren knappe Texte, die Basisinformationen zu Tier oder Pflanze vermitteln, haben mich für manches Kapitel meines Buches „Textfisch“ inspiriert.

Textfische ernähren sich von Buchstaben. Gotische Lettern sind ein Leckerbissen, dem sie nur schwer widerstehen können. Fischer verwenden diese altmodischen Schriftzeichen daher gerne als Köder. Doch im Allgemeinen sind Textfische bezüglich der Schriftart nicht wählerisch. Als Ausnahme gelten die Bewohner der Calligraphy Bay, die ausschließlich Handschriftliches zu sich nehmen. In Regionen mit geringer Satzdichte, fern der üppigen Textfelder, jagen Textfische in Gruppen. Dabei isolieren sie Worte und verspeisen deren abgetrennte Anfangs- und Endbuchstaben.

Chapter 3 | Das dritte Kapitel.
Textfish in search of nourishment. | Textfische auf Nahrungssuche.
Textfish tempted by a Gothic letter. | Gleich hängt er am Haken.
Can Textfish read? | Können Textfische lesen?

Alphabet Soup

I am a big fan of books on natural science. Old tomes with excellent drawings and paintings in particuar. Somehow the short paragraphs giving basic information about animals and plants in books of nature served as inspiration for some chapters of my book „Textfisch“.

Textfish feed on letters. Gothic characters are a favourite morsel they can hardly resist. Small wonder that fishermen use oldfashioned type as bait. But in general Textfish are not particularly fastidious when it comes to food – with the exception of the inhabitants of Calligraphy Bay. They only eat letters written by hand. In regions with low sentence density, far from the luxuriant textfields, Textfish hunt in packs. First they isolate words, then they feast on their severed first and last letters.

Ein begehrtes Elixier

A coveted elixir

Das Buch „Textfisch“ war eine wunderbare Spielwiese, um verschiedene Techniken und Materialien auszuprobieren. Für die Literatenfische habe ich alte Buchseiten und als Hintergrund Papier, das ich in einem Geschäft im chinesischen Viertel von Toronto gekauft habe, verwendet.

Englischen Wissenschaftlern ist es gelungen, die Essenz des Textmeeres zu destillieren und als instant letters erfolgreich auf den Markt zu bringen. Trotz seines hohen Preises ist das Produkt bei Aquarianern sehr beliebt, da es die Lebensspanne der seltenen Literatenfische, einer Unterart des Textfisches, in Gefangenschaft erheblich verlängert. Bemühungen ein Konzentrat aus nummerologischem Schlamm zu gewinnen, sind bislang gescheitert.

Das nächste Mal: Die Ernährungsgewohnheiten der Textfische.

Chapter 2. Handlettering on a chocolate wrapper. | Das zweite Kapitel, von Hand auf Einwickelpapier einer Schokoladepraline geschrieben.
Textfish discussing new ideas. | Textfisch, die über neue Ideen diskutieren.
Feed us! The pop-eyed „Leichtsinnige“ is my favourite. | Füttere uns! Der glubschäugige „Leichtsinnige“ ist mein Favorit.
Hurry, hurry, don´t let the tasty morsels sink to the sea-bottom. | Schnell, schnell, bevor die Leckerli am Meeresgrund landen.

A coveted elixir

The book „Textfisch“ proved to be a marvelous playground to try out new techniques and materials. I used pages of an old book for the Literatifish and paper I bought in Toronto´s China Town for the background.

English scientists succeeded in distilling the essence of the Textsea, subsequently successfully released on the market as instant letters. Owners of aquariums love the product despite its high price, because it lengthens the life expectancy of the rare Literatifish, a subspecies of the Textfish, in captivity. Efforts to extract a concentrate from nummerological mud have failed so far.

Next time: What Textfisch eat.

Ein überraschender Fund

An unexpected find

So viel Zeit wie dieses Jahr habe ich noch nie für den Frühjahrsputz aufgewendet. Das kommt davon, wenn man dazu aufgefordert wird, zu Hause zu bleiben. Kein Regalbrett war zu hoch angebracht, keine Staubschicht zu dick. Unerschrocken arbeitete ich mich in Ecken vor, die jahrelang unbehelligt geblieben waren. Sie können sich vielleicht die Freude vorstellen, als ich dabei auf ein Buch stieß, das ich vor rund zehn Jahren schrieb und illustrierte. Es erzählt die Geschichte einer erfundenen Fischart, den Textfischen.

Das Buch „Textfisch“ ist ein Einzelstück, das sieben Kapitel zu je fünf Seiten umfasst. Ich habe hauptsächlich auf Einwickelpapier von Schokoladepralinen geschrieben/gezeichnet (die gleiche Sorte, die auch für das „Tulpenbuch“ Verwendung fand). In den kommenden Wochen werde ich die Geschichte in sechs weiteren Blogbeiträgen erzählen. Hier ist zunächst einmal das erste Kapitel:

Das Zeitalter der Langeweile wurde durch die Wortflut beendet. Als diese langsam versiegte, blieb das Textmeer zurück. In seinen unendlichen Weiten leben die – heute durch eine im Zuge der Erschließung der Bildwelten eingeschleppte Viruserkrankung, Pixeliose, bedrohten – Textfische. Mit Ausnahme der Unterart des „Comedyfish“ handelt es sich um scheue Tiere, die zu Fremden nur langsam vertrauen fassen.

The book „Textfisch“ in its box. | Das Buch „Textfisch“ in seiner Schachtel.
When working with reused paper often Japanese binding is the ideal choice. | Das Buch auf Japanische Art zu binden ist oft die beste Lösung, wenn man mit Altpapier arbeitet.
I used chocolate wrappers for the pages of the book. | Großteils habe ich für die Seiten des Buches Einwickelpapier von Schokoladepralinen verwendet.
Chapter 1. | Das erste Kapitel.
A Textfish on the run. | Ein Textfisch auf der Flucht.
Curiosity won, a Textfish bashfully meets the reader´s gaze. | Die Neugier hat gesiegt, ein Textfisch späht schüchtern aus der Seite.

An unexpected find

Due to circumstance I have spent more time than usual spring cleaning. No shelf was too high, no layer of dust too deep. Undaunted I poked into places I have not looked at for years. Imagine my delight when I unearthed a book I wrote and illustrated ten years ago. In it I tell the story of a fictional species of fish, the Textfisch.

The book „Textfisch“ is a one off comprising seven chapters at five pages each. I wrote/drew mostly on chocolate wrappers (the same kind I used for „Tulpenbuch„). In the coming weeks I will retell the story, originally written in German, in six more blogposts. Here is the first chapter:

The Time of Boredom was brought to an end by the Wordflood. After the flood receded only the Textsee was left. In its infinite dephts live the Textfish – an endangered species, due to a virus, pixeliosis, spread in the course of the exploration of the World of Pictures. With the exception of the subspecies „Comedyfish“ they are shy creatures, who do not trust strangers easliy.

Bunnies don´t bring me chocolate eggs

Häschen bringen mir keine Schokolade-Eier


On the contrary, they demand carrots, clover and other tasty treats. One of my pets, a floppy-eared rabbit, loved tangerines and meringues. How much he enjoyed eating the latter we found out one memorable Christmas Day. It didn´t occur to us that a rabbit might like the sugary stuff, so wie decorated the christmas tree with „Windringerl“ (small meringue circles sprinkled with tiny sugar beads) and went to bed. In the morning we discovered to our dismay that he had eaten the bottom half of every single Windringerl he had been able to reach. Luckily it did not do him any harm and our dear pet lived a long and happy life.

The little rabbits I drew for „Lobet die Rübe“ (Praise the Turnip) have far healthier food in mind. At the time I was experimenting with unusual shapes for books. I liked the folded version of a leporello, because of it´s sculptural quality and the opportunity it gave to link both sides of the paper by inserting elements through slits in the folds. Root vegetables were the logical choice, with leaves sticking out top-side and carrots, raddishes and parsnips dangling on the „soil“-side of the folded paper. Naturally no vegetablebed is complete without a rabbit, or two, or three …

The bookcover. | Das Buch von außen.
The closed book is small and triangular.| Das geschlossene Buch ist klein und dreieckig.
The book slightly opend. | Der Leporello entfaltet sich.
Lots of leaves and rabbits. | Jede Menge Blätter und Hasen.
The fully extended leporello. | Der auseinandergezogene Leporello.
Surprise! The book is much bigger on the inside. | Überraschung! Das Buch ist größer als man denkt.
Black and white rabbits amid green turnip-leaves. | Schwarze und weiße Hasen zwischen grünen Rübenblättern.
The only black rabbit hiding behind leaves. | Das einzige schwarze Häschen versteckt sich hinter den Blättern.
e-up of the book showing plates with recipes written on them. | Eine Nahaufnahme des Buches zeigt Teller mit aufgedruckten Rezepten.
What to do with parsnip, beetroot & co if you are not a rabbit? Recipes for savory dishes are presented on plates. | Was tun mit Pastinake, roter Rübe & Co falls Sie kein Hase sind? Rezepte für leckere Gerichte werden auf Tellern dargereicht.
The other side of the book. | Die andere Seite des Buches.
Delve into the earth, that is turn the book over, and discover a pattern made up of turnips and the title. | In die Erde graben, sprich das Buch umdrehen, und ein Muster aus Rüben sowie den Buchtitel entdecken.
Close-up of the book with carrots, raddishes and turnips dangling from the folds. | Nahaufnahme des Buches mit zwischen den Falten hängenden Karotten, Radieschen und Rüben.
Carrots, raddishes and turnips dangling on the „underside“ of the book. | Karotten, Radieschen und Rüben baumeln an der „Unterseite“ des Buches.

Häschen bringen mir keine Schokolade-Eier

Ganz im Gegenteil, sie wollen Karotten, Klee und andere Leckereien. Eines meiner Haustiere, ein Kaninchen mit Schlappohren, liebte Mandarinen und Windbäckerei. Dass er von letzterer nicht genug bekommen konnte, mussten wir an einem denkwürdigen Weihnachtstag feststellen. Wir schmückten unseren Weihnachtsbaum mit „Windringerln“ (kleine Baiser-Ringe mit Zuckerstreusel), da uns gar nicht in den Sinn kam, dass ein Karnickel das süße Zeug mögen würde, und gingen schlafen. Frühmorgens entdeckten wir einigermaßen bestürzt, dass der gierige Schuft in der Nacht die untere Hälfte von jedem Windringerl, das er erreichen konnte, gefressen hatte. Geschadet hat es ihm nicht und unser geliebtes Haustier lebte ein langes, glückliches Leben.

Für „Lobet die Rübe“ zeichnete ich Häschen, denen es nach viel gesünderem Essen steht. Ich experimentierte damals mit ungewöhnlichen Buchformen und mir gefiel die gefaltete Version eines Leporellos. Er wirkte plastisch wie eine Skulptur und bot die Möglichkeit beide Seiten des Papiers zu verbinden, indem ich Elemente durch Schlitze in den Knicken der Falten steckte. Logisch, dass mir dafür Wurzelgemüse in den Sinn kam. An der Oberseite des Papiers ragen die Blätter hoch und an der „erdigen“ Unterseite baumeln Karotten, Radieschen und Rüben. Kein Gemüsebeet ist vollständig ohne einen Hasen, oder zwei, oder drei …

When in doubt, make a book!

Ratlos? Mach ein Buch!

What to do with 30 drawings, each 10 cm square? Using them to fold birds was out of the question. Anyway, I suck at origami since the day I was forced to fold an egg as an assignment in school. I could have stuffed the thin sheets of paper into an envelope and that would have been the end of this pleasant experiment. Not an option either, I wanted to play a little longer. And of course I did what I always do, I went into default mode and made a book. Given the thinness of the paper stitching would not have been a good idea. After much thought and several cups of tea it occured to me that Japanese binding might do the trick. So I glued a tab – made of thicker paper and with pre-punched holes – to one side of each former chocolate wrapper. For the cover I did a papercut showing yet another tulip.

The book was assembled in no time at all and I am proud to have – finally! – found a use for the weird spongy material I picked up in a shop for model-builders, just because I liked its structure and it is fun to touch.
To protect the book I built a box.

The box protecting the Tulipbook. | Die Schachtel zum Schutz des Tulpenbuchs.

The open box. | Die geöffnete Schachtel.
The Tulipbook. | Das Tulpenbuch.
The coverpage of the Tulipbook. | Die Titelseite des Tulpenbuchs.
A page of the Tulipbook. | Eine Seite des Tulpenbuchs.
A page of the Tulipbook. | Eine Seite des Tulpenbuchs.
A page of the Tulipbook. | Eine Seite des Tulpenbuchs.
A page of the Tulipbook. | Eine Seite des Tulpenbuchs.

And beaming with joy, because I had created something unique and beautiful, I put it away.

Ratlos? Mach ein Buch!

Was tun mit 30 Zeichnungen, 10 x 10 cm groß? Vögelchen zu falten, kam nicht in Frage. Seit ich in der Schule ein Ei falten musste, habe ich sowieso ein gestörtes Verhältnis zu Origami. Ich hätte die dünnen Papierblätter auch einfach in ein Kuvert stopfen und in einer Schublade verschwinden lassen können. Auch keine reizvolle Lösung, ich wollte noch ein wenig spielen. Und natürlich tat ich, was ich immer tue, ich machte ein Buch – das ist bei mir fast wie eine Grundeinstellung. Das Papier war ein bisschen zu dünn für eine Fadenbindung. Also ein paar Tassen Tee getrunken und nachgedacht. Eine Idee ließ nicht lange auf sich warten: Eine Japanische Bindung müsste sich gut eignen! Also klebte ich einen vorgelochten Streifen aus dickerem Papier an eine Seite von jedem ehemaligen Pralineneinwickelpapier. Als Cover schnell noch eine Tulpe aus dem Papier geschnitten …

Das Zusammensetzten und Binden des Buches war schnell erledigt. Ich fand sogar endlich eine Verwendung für das komische schwammige Material, das ich einmal in einem Geschäft mit Modellbauzubehör gekauft hatte. Ich mochte einfach seine Struktur und das lustige Gefühl beim Anfassen.
Um das Büchlein zu schützen, baute ich ihm noch eine Schachtel.
Freudenstrahlend, weil ich etwas Einzigartiges und Schönes geschaffen hatte, räumte ich das fertige Ding weg.

Strike a pose!

Wirf dich in Pose!

Late Fourties and Fifties fashion – haute couture in particular – is just fabulous! So elegant and yet in the generous use of sumptuous materials so deliciously decadent! Just the right mixture to capture with shadows and spotlit parrot-type tulips. Add a little sparkle …

Drawing of a women with a large tulip. Zeichnung einer Frau mit einer großen Tulpe.
Drawing of a women with a large tulip. Zeichnung einer Frau mit einer großen Tulpe.
Drawing of a women with a large tulip. Zeichnung einer Frau mit einer großen Tulpe.

At this stage of the project it became obvious that the drawings had to be bound in some way. Pages with text would strengthen a rhythm the interspersed fashion drawings hinted at.
Stories, only a few sentences long – more like sketches capturing the mood of a place, provide another layer of context and meaning.

The different ways tulips can be used are quite interesting. (Perhaps even psychologically revealing?) In Vienna tulips are usually planted en masse in solid blocks without any groundcover. They are standing tigthly packed, stiff and without individuality, like good little soldiers.

Photo of tulips in Wien. | Foto von Tulpen in Wien.
Vienna: Tulips galore. | Wien: Tulpen in Hülle und Fülle.

Here is the text about tulips in Vienna (sorry folks, german only):

>>Ein rotlila leuchtender Farbfleck inmitten einer Straßenkreuzung. Tulpen zieren ein von Beton eingefasstes Beet. Eng zusammengepfercht stehen sie da, vom Verkehr umtost. Nur im Vorbeifahren als farbiger Akzent konsumierbar. Tulpen auf die Schnelle.<<

In London, however, they are accompanied by other plants. The effect can be stunning and inspirational. It is possible to admire each tulip and appreciate the shape of the flower or the graceful bend of the stem. Daring colour combinations entice the eye and make the heart sing.

Photo of tulips in London. | Foto von Tulpen in London.
London: A feast for the eyes! | London: Ein Augenschmaus!

Wirf dich in Pose!

Die Mode der späten vierziger und fünfziger Jahre ist spektakulär, besonders die Haute Couture. Elegant und dennoch ein bisschen dekadent, vor allen durch die unglaubliche Menge an kostbaren Stoffen, die – oft nur in einem einzigen Kleid – verarbeitetet wurden. Gerade die richtige Mischung, um mit Schattenrissen und in Licht gebadeten Papageientulpen zu spielen! Ein wenig Glitzer dazu …

In dieser Phase des Projektes wurde mir klar, dass die Zeichnungen irgendwie gebunden werden mussten. Ein Rhythmus deutete sich bereits durch die eingestreuten Modezeichnungen an, Textseiten würden ihn stärken.
Nur einige Sätze lange Geschichten setzen die Tulpen in einen Kontext und verleihen ihnen Bedeutungstiefe. Die Texte, eigentlich Skizzen, versuchen die Stimmung eines Ortes einzufangen, an dem ich Tulpen im Stadtbild begegnete.

Es ist recht interessant zu sehen, wie unterschiedlich Tulpen verwendet werden können. (Vielleicht lässt es ja sogar psychologisch tief blicken?) In Wien pflanzt man sie normalerweise en masse in einheitlichen Blöcken, ohne bodendeckende Gefährten. Dicht gedrängt stehen sie steif da, ihrer Individualität beraubt, wie brave Soldaten.
Hier ist der Text zu den Wiener Tulpen:

>>Ein rotlila leuchtender Farbfleck inmitten einer Straßenkreuzung. Tulpen zieren ein von Beton eingefasstes Beet. Eng zusammengepfercht stehen sie da, vom Verkehr umtost. Nur im Vorbeifahren als farbiger Akzent konsumierbar. Tulpen auf die Schnelle.<<

In London werden Tulpen hingegen von anderen Pflanzen begleitet. Dadurch entstehen fantastische Effekte, die überaus inspirierend wirken. Jede Tulpe lässt sich bewundern, von der Form der Blüte bis zum elegant gebogenen Stängel. Das Auge wird von mutigen Farbkombinationen angezogen und das Herz beginnt zu singen.